Robotik in der Ohrchirurgie: Stand und Perspektiven der Cochlea-Implantation
Autoren:
Dr. Philipp Aebischer
Prof. Dr. Stefan Weder
Prof. Dr. Georgios Mantokoudis
Prof. Dr. Marco Caversaccio
Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie
Inselspital
Universitätsspital Bern
Korrespondierender Autor:
Dr. Philipp Aebischer
E-Mail: philipp.aebischer@insel.ch
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Robotische Systeme haben die Cochlea-Implantation von der bildgebungsgestützten Bohrung bis zur kontrollierten Elektrodeninsertion erweitert. Erste Verfahren sind klinisch etabliert, doch zur optimalen Nutzung dürfte künftig die Verbindung von robotischer Präzision, intraoperativer Rückmeldung und aktiver Steuerung entscheidend sein.
Keypoints
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Robotische Systeme ermöglichen präzise, schonende Zugänge und kontrollierte Elektrodeninsertionen bei der Cochlea-Implantation.
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Für die optimale Nutzung ihres Potenzials ist eine engere Integration intraoperativer Rückmeldungen erforderlich.
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Die entwickelten Verfahren eröffnen neue Möglichkeiten für weitere Eingriffe an der lateralen Schädelbasis.
Das Cochlea-Implantat gilt als die erfolgreichste Neuroprothese der modernen Medizin. Weltweit wurden inzwischen mehr als eine Million Implantate eingesetzt.1 Das Implantat umgeht sowohl die Schallleitung als auch die mechanoelektrische Signalumwandlung im Innenohr und stimuliert den Hörnerv direkt elektrisch. Damit kann es bei hochgradigen Hörstörungen unterschiedlicher Ätiologie eingesetzt werden. Die flüssigkeitsgefüllte Cochlea erlaubt dabei eine Elektrodeninsertion unter weitgehender Erhaltung ihrer Strukturen und Restfunktion.
Vom Implantat zur Soft Surgery
Die Implantatsysteme entwickelten sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant. In den 1990er-Jahren gelang mit Mehrkanal-Systemen, welche die natürliche Tonotopie der Cochlea nutzen, der klinische Durchbruch. Darauffolgende Generationen brachten mechanische Verbesserungen durch flexiblere Elektrodenträger mit geringeren Insertionskräften. Ab den 2000er-Jahren verlagerte sich der Fortschritt zunehmend von der Hardware zur Software. Verbesserte Signalverarbeitungsstrategien optimierten die audiologischen Ergebnisse weiter.
Parallel etablierte sich die sogenannte Soft Surgery: chirurgische Prinzipien zur Minimierung der mechanischen Belastung des Innenohrs. Ein wichtiges Ziel wurde dabei der Erhalt des präoperativ noch vorhandenen akustischen Hörvermögens. Trotz aller Fortschritte blieb die Variabilität der Ergebnisse aber groß und viele Patient:innen erlitten weiterhin eine deutliche Verschlechterung dieses Restgehörs.2 Dies ist angesichts der außerordentlichen Empfindlichkeit der Cochlea wenig überraschend. An der Hörschwelle liegen die Bewegungen ihrer Sinnesstrukturen im Subnanometerbereich und damit in der Größenordnung einzelner Atomdurchmesser.3 Es lag daher nahe, dass robotische Systeme dieser mikrometrisch anspruchsvollen Chirurgie neue Möglichkeiten eröffnen könnten.
Robotischer Zugang zur Cochlea
Ende der 2000er-Jahre intensivierte sich die Forschung zur robotergestützten Cochlea-Implantation. Im Zentrum stand zunächst die minimalinvasive Erstellung eines Zugangs zur Cochlea durch bildgebungsgestützte Navigation. Zwei Konzepte wurden verfolgt: stereotaktische Rahmen, welche das Werkzeug starr relativ zur Anatomie positionieren, und Roboterarme, die Bewegungen eines am Mastoid fixierten Trackingmarkers nachführen.
Ein intraoperativer Planungsscan stellt die geometrische Beziehung zwischen Anatomie und Referenzschrauben her. In der klinischen Entwicklung setzte sich schließlich das roboterarmbasierte System durch. In einer Validierungsstudie am Inselspital Bern wurden ab 2016 die ersten neun Patienten über einen minimalinvasiven cochleären Zugang versorgt.4 Das Projekt wurde anschließend durch MED-EL und das Spin-off CASCINATION bis zur Marktzulassung weitergeführt. Mittlerweile wird die minimalinvasive Robotik an mehreren europäischen Zentren eingesetzt; insgesamt wurden mehr als hundert Eingriffe durchgeführt (Abb. 1).
Robotische Elektrodeninsertion
Parallel dazu wurden robotische Werkzeuge zur Elektrodeninsertion entwickelt. Als Ergänzung minimalinvasiver Bohrsysteme sollten sie eine kontrollierte, präzise und kraftüberwachte Einführung der Elektrode ermöglichen.5,6 Diese frühen Ansätze verließen jedoch nie die Prototypenphase. Mitentscheidend war die damals fehlende klinische Verfügbarkeit entsprechender Gesamtsysteme.
Experimentelle Arbeiten bestätigten aber, dass die Elektrodeninsertion als kritischer Schritt betrachtet werden muss. Druckmessungen am Kadavermodell wiesen nach, dass die manuelle Insertion ausgeprägte Drucktransienten verursachen kann, welche das Restgehör potenziell nachhaltig schädigen, und die Mikrocomputertomografie wies strukturelle Verletzungen innerhalb der Cochlea nach.7 Diese Befunde führten zu einer neuen Generation vereinfachter Insertionswerkzeuge, die auch mit konventionell angelegten Innenohrzugängen kompatibel waren.
Durch diese Öffnung des Anwendungsfeldes konnten sich mehrere Insertionssysteme klinisch etablieren.8–10 Mittlerweile liegen erste Ergebnisse vor: Einzelne Studien zeigen Tendenzen zu verbessertem Hörerhalt; niedrigere Impedanzen deuten auf geringere intracochleäre Verletzungen hin. Andere Untersuchungen finden keinen eindeutigen Vorteil.11,12 Die erzielten Verbesserungen scheinen begrenzt und blieben hinter vielen Erwartungen zurück.
Grenzen der heutigen Robotik
Neue Forschungsdaten rücken einen weiteren Aspekt in den Mittelpunkt. Die bestehenden Systeme unterstützen zwar eine möglichst atraumatische Einführung der Elektrode, weitere relevante Schritte bleiben jedoch manuell: das Lösen des Implantats vom Insertionssystem, die Stabilisierung des Elektrodenkabels in der Mastoidhöhle und der Verschluss des Rundfensterbereichs. Gerade diese Post-Insertionsschritte können einen relevanten Anteil der cochleären Belastung verursachen.
Damit ergibt sich in gewisser Weise eine Rückkehr zu den Prinzipien der Soft Surgery. Auch unter Einsatz moderner teilrobotischer Systeme bleibt die manuelle chirurgische Arbeit von zentraler Bedeutung. Die verfügbaren Systeme setzen zwar an sinnvollen Einflussfaktoren zur Reduktion der cochleären Belastung an, erschweren jedoch den visuellen Zugang und lassen die haptische Rückmeldung entfallen. Im Grundsatz führen diese Systeme dieselben Bewegungen aus wie die menschliche Hand, nur mit höherer Präzision und besserer Reproduzierbarkeit. Die mechanischen Barrieren der Anatomie bleiben dabei bestehen.
Ein komplementärer Ansatz besteht deshalb darin, nicht nur die Qualität der Bewegungsausführung zu verbessern, sondern die mechanischen Randbedingungen der Insertion selbst zu verändern. Ein Beispiel ist eine auftrennbare Führungshülse, welche die Elektrode in der basalen Cochlea auf eine günstigere Trajektorie umlenkt und dadurch die intracochleären Kräfte reduziert.13 Auch vorgeformte Elektrodenträger folgen diesem Prinzip. Heutige robotische Systeme können solche Elektroden jedoch entweder noch nicht automatisiert einführen oder berücksichtigen ihre Position und Formveränderung während der Insertion nur unzureichend.
Intraoperatives Feedback
Künftig wird daher die Verknüpfung robotischer Systeme mit objektiver intraoperativer Rückmeldung von zentraler Bedeutung sein. Drei Entwicklungsrichtungen zeichnen sich ab. Erstens sollen physikalische Parameter in Echtzeit erfasst werden. Mehrere Forschungsgruppen haben Instrumente zur Erfassung der Insertionskräfte und des intracochleären Drucks entwickelt; der Schritt in die klinische Routine steht jedoch noch aus.14–16
Zweitens eröffnet die intraoperative Elektrophysiologie neue Möglichkeiten. Zahlreiche Forschungsprojekte befassen sich mit der automatisierten Auswertung der Elektrocochleografie. Dabei werden durch akustische Stimuli ausgelöste elektrophysiologische Antworten direkt über das Implantat erfasst (Abb. 2). Veränderungen dieser Signale könnten helfen, eine drohende Belastung intracochleärer Strukturen frühzeitig zu erkennen und die Insertion entsprechend anzupassen.17 Ergänzend können elektrische Impedanzmessungen zur Abschätzung der Position des Elektrodenträgers innerhalb der Cochlea genutzt werden. Diese Verfahren befinden sich derzeit am Übergang von der klinischen Forschung zur intraoperativen Anwendung.
Abb. 2: Insertion des Elektrodenträgers mit motorisiertem Insertionswerkzeug bei gleichzeitiger elektrophysiologischer Überwachung
Drittens müssen diese Rückmeldungen in eine aktive Steuerung übersetzt werden. Die bisherigen Verfahren bleiben überwiegend beobachtend: Sie liefern Informationen, greifen aber nicht unmittelbar in den Operationsverlauf ein. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst, wenn robotische Systeme ihre Bewegungen aufgrund mechanischer oder elektrophysiologischer Rückmeldungen unmittelbar anpassen können. Die nächste Generation robotischer Werkzeuge muss diese Integration von Beginn an berücksichtigen.
Neue Einsatzfelder
Insbesondere die minimalinvasive robotische Bohrung eröffnet weitere Einsatzfelder. Für viele Eingriffe an der lateralen Schädelbasis bietet die hochpräzise, bildgebungsgestützte Navigation Vorteile. Eine Machbarkeitsstudie zeigte das Potenzial minimalinvasiver Zugänge zu den Bogengängen für Vestibularimplantate.18 Mit dem minimalinvasiven Plugging des superioren Bogengangs bei Bogengangsdehiszenz erfolgten inzwischen auch erste klinische Anwendungen außerhalb der Cochlea-Implantation.19
Die Robotik in der Ohrchirurgie entwickelt sich zunehmend zu einer technologischen Plattform, welche präoperative Planung, Navigation und intraoperative Anpassung des Eingriffs zusammenführt. Diese Funktionen könnten insbesondere seltenen und technisch anspruchsvollen Eingriffen zugutekommen. Die für die Cochlea-Implantation entwickelten und validierten Verfahren könnten so zur Grundlage für ein breiteres Spektrum otologischer Eingriffe werden.
Literatur:
1 Zeng FG: Celebrating the one millionth cochlear implant. JASA Express Lett 2022; 2(7): 077201 2 DeSaSouza S et al.: Cochlear Implants: New and Future Directions. Singapore: Springer Nature, 2022 3 Fridberger A et al.: Imaging hair cell transduction at the speed of sound: dynamic behavior of mammalian stereocilia. Proc Natl Acad Sci USA 2006; 103(6): 1918-23 4 Caversaccio M et al.: Robotic middle ear access for cochlear implantation: first in man. PLoS One 2019; 14(8): e0220543 5 Kratchman LB et al.: A manually operated, advance off-stylet insertion tool for minimally invasive cochlear implantation surgery. IEEE Trans Biomed Eng 2012; 59(10): 2792-2800 6 Kobler JP et al.: An automated insertion tool for cochlear implants with integrated force sensing capability. Int J Comput Assist Radiol Surg 2014; 9(3): 481-94 7 Banakis Hartl RM et al.: Intracochlear pressure transients during cochlear implant electrode insertion: effect of micro-mechanical control on limiting pressure trauma. Otol Neurotol 2019; 40(6): 736-44 8 Vittoria S et al.: Robot-based assistance in middle ear surgery and cochlear implantation: first clinical report. Eur Arch Otorhinolaryngol 2020; 278(1): 77-85 9 Gantz JA et al.: A steadier hand: the first human clinical trial of a single-use robotic-assisted surgical device for cochlear implant electrode array insertion. Otol Neurotol 2023; 44(1): 34-9 10 Aebischer P et al.: Quantitative in-vitro assessment of a novel robot-assisted system for cochlear implant electrode insertion. Int J Comput Assist Radiol Surg 2024; 20(2): 323-32 11 Torres R et al.: Restoration of high frequency auditory perception after robot-assisted or manual cochlear implantation in profoundly deaf adults improves speech recognition. Front Surg 2021; 8: 729736 12 Bircher B et al.: Temporal evolution of impedance after motorized versus manual cochlear implantation. Hear Res 2026; 477: 109653 13 Aebischer P et al.: A sleeve-based, micromotion avoiding, retractable and tear-opening (SMART) insertion tool for cochlear implantation. IEEE Trans Biomed Eng 2023; 70(3): 860-6 14 Aebischer P et al.: Development and evaluation of a reusable, force measuring tool for the robot-assisted insertion of cochlear implant electrode arrays. IEEE Trans Biomed Eng 2025; 72(1): 381-7 15 Bernardi W et al.: Towards atraumatic cochlear implant insertion monitoring using a hydraulic-based, cost-effective intracochlear pressure probe. Front Surg 2025; 12: 1702151 16 Böttcher-Rebmann G et al.: Preclinical evaluation of a tool for insertion force measurements in cochlear implant surgery. Int J Comput Assist Radiol Surg 2023; 18(11): 2117-24 17 Andonie RR et al.: Electrocochleography for monitoring hearing preservation during cochlear implantation. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2026; 152(2): 117 18 Aebischer P et al.: Robotic keyhole access to the semicircular canals for vestibular implantation: an anatomical feasibility study. Eur Arch Otorhinolaryngol 2026; 283(2): 719-30 19 Mantokoudis G et al.: First-in-man robotic superior canal dehiscence surgery: a hybrid transmastoid approach using the HEARO ® System. Authorea 2025. doi: 10.22541/au.176402440.00409572/v1
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