©
Getty Images/iStockphoto
Spitalszwillinge spielen Patienten-Pingpong
DAM
Autor:
Dr. Wolfgang Geppert
E-Mail: geppert@aon.at
30
Min. Lesezeit
13.10.2016
Weiterempfehlen
<p class="article-intro">Die neuen Krankenhausbauten südlich von Wien, der Stolz der niederösterreichischen Politik.</p>
<hr />
<p class="article-content"><p>Es vergeht kein Interview mit Frau Mag. Rabmer-Koller, in welchem die oberösterreichische ÖVP-Politikerin in ihrer derzeitigen Funktion als Chefin des Hauptverbandes nicht die Reduktion von Krankenhausbetten fordert. Im Rahmen der Gespräche zum nächsten Finanzausgleich mit den Ländern solle geklärt werden, so die Hauptverbands­chefin, wie viele Spitäler „zurückgefahren werden“. Im Kernland der ÖVP, in Niederösterreich hingegen, liefern die verantwortlichen Politiker seit Jahren ein Kontrastprogramm. Im Reich von Dr. Erwin Pröll frönt man dem nahezu grenzenlosen Neu- und Zubau von Spitälern. Mit den insgesamt 27 Standorten der NÖ Landeskliniken-Holding wird permanent Wahlwerbung betrieben: Arbeitsplatzsicherung durch Verherrlichung der Spitalswelt. Bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit wird betont, die Holding sei mit ihren rund 22.000 Arbeitsplätzen der größte Gesundheitsdienstleister Österreichs. Auch der hohen Wertschöpfung für die regionale Wirtschaft werden ständig neue Lobgesänge gewidmet.</p> <h2>Niederösterreichische Landespolitiker auf der Gegenspur</h2> <p>Während zahlreiche Verantwortungsträger bereits zähneknirschend erkennen, dass in den verflossenen Jahrzehnten bei Neu- und Ausbauten von heimischen Krankenhäusern maßlos übertrieben wurde, verweilt der zuständige Landesrat Niederösterreichs, Mag. Karl Wilfing, noch auf der gesundheitspolitischen Gegenspur. An Carlo, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, prallen die Argumente der Gesundheitsökonomen ab. Er will nicht erkennen, dass Österreich im Europavergleich bereits die höchste Dichte an Spitalsbetten erreicht hat. Er negiert, dass heimische Krankenanstalten schon heute als die teuersten Europas gelten. Eine Steigerung auf diesem Gebiet ist nicht notwendig.</p> <h2>Schwelgen in Superlativen</h2> <p>Sechs Jahre nach dem Spatenstich ist es so weit, der Neubau des Badener Krankenhauses wird eröffnet. Ein Hochamt für die Landespolitik. Am 30. September strömten die ersten Patienten in die Behandlungsräume. Doch schon Monate davor, im Juni, wurde Journalisten ein Einblick in den Badener Baukomplex gewährt. Der kaufmännische Direktor der NÖ Landeskliniken-Holding, Dipl. KH-BW Helmut Krenn, stellt anlässlich dieser Führung fest: „Es ist europaweit das modernste Klinikum!“ Wie bei bisherigen Eröffnungen dieser Art traut sich auch bei Baden kein Gesundheitsökonom hinter der Deckung hervor, um dieser Prahlerei Grenzen zu setzen.</p> <h2>Krankenhaus Baden mit 2.325 Räumen</h2> <p>Der entsprechende Bericht im „Kurier“ vom 24. Juni spiegelt die Jubelstimmung der Krankenhaus-Betonierer gut wider. Redakteur Mag. Markus Foschum greift für die Beschreibung des Neubaus in Baden zu Ausdrücken der Superlative. Der Badener Bürgermeister und besagter Carlo müssen die Journalisten mit ihrer Führung gewaltig beeindruckt haben. Die neue Chefin des Hauptverbandes dürfte am Rundgang nicht teilgenommen haben. Sie konnte daher in gutem Glauben bleiben, dass irgendwo Spitäler „zurückgefahren werden“. Im Kernland der ÖVP, in Niederösterreich, ist der Ruf von Mag. Ulrike Rabmer-Koller noch nicht angekommen. Ganz im Gegenteil! Es kommt zwar zur Erwähnung, dass jahrelang über die Sinnhaftigkeit von zwei getrennten Standorten diskutiert wurde, nicht aber über die eindeutige Ansicht der Experten. Es gab keinen einzigen Gesundheitsökonomen, der dem Neubau der Spitalszwillinge Mödling/Baden zustimmend gegenüberstand. Einhellig wurde für den Fall notwendiger Neuerrichtung die Zusammenlegung dieser beiden Standorte (Luftlinie 10km) gefordert. Im Klartext: Ein erweitertes Mödling sollte Baden ersetzen. Leider haben sich nicht die Experten, sondern die Lokal- und Landespolitiker durchgesetzt. Ein ausgewogener Zeitungsbericht hätte auch die Gegenseite zu beleuchten. Der vollzogene Bau von Baden ändert nichts am Umstand, dass diese Form von Geldverschwendung angesichts der prekären Finanzsituation des Landes unverantwortlich ist. Stattdessen werden die „Kurier“-Leser erstmals mit neuen Werteinheiten für Glanz und Gloria von Spitalsneubauten konfrontiert. Es sind dies die Anzahl der Räume und das Ausmaß der verbauten Grundfläche in Quadratmetern. Redakteur Foschum berichtet: „Noch herrscht Leere und Stille in den insgesamt 2.325 Räumen.“ Für Umweltbewusste muss der Umstand, dass die drei Pavillons des Gebäudekomplexes insgesamt fast 62.000m2 Grundfläche bedecken, schmerzhaft sein. Bodenversiegelung in Reinkultur! Wäre es nach dem Hausverstand gegangen, dann könnte die jetzt verbaute Fläche der Kurstadt Baden als zusätzliche Grünfläche zur Verfügung stehen.</p> <h2>Schuldenkaiser Niederösterreich</h2> <p>Beim Thema „Verschuldung des Landes“ hingegen geben sich die Krankenhaus-Betonierer eher verschlossen. Eigentlich ungewöhnlich, denn auch für die 7,9 Mrd. Euro Schulden gäbe es einen Spitzenplatz, der im Kreise von Journalisten gefeiert werden könnte. In absoluten Zahlen gerechnet ist das blaugelbe Bundesland unter den Schuldenmachern Österreichs die Nummer eins. Besonders erheiternd ist daher der Umstand, dass Politiker der Wiener ÖVP permanent das finanzielle Desaster der rotgrün regierten Bundeshauptstadt (Schuldenstand aktuell: 6,2 Mrd.) ins Visier nehmen. Wien (1,8 Mio. Einwohner) und Niederösterreich (1,7 Mio. Einwohner) sind die Einwohnerzahl betreffend fast gleich. Das unbeirrbare Bestreben der niederösterreichischen Landespolitiker, alle 27 Klinikstandorte entweder neu zu errichten oder großzügig auszubauen, hat das Bundesland mit dem ehemals geordneten Budget zu einem finanziellen „Kärnten Nord“ werden lassen.</p> <h2>Patienten werden zu Pendlern</h2> <p>Während die Pforten des neuen Spitals in Baden bereits offen stehen, dauert es mit der Fertigstellung des Zwillingshauses in Mödling noch ein Jahr. Bisher war den Lokal- und Landespolitikern nur wichtig, die Arbeitsplätze in der eigenen Kommune gesichert zu sehen. Doch schön langsam dämmert es jedem Einwohner der Region, dass mit dem Begriff „Landesklinikum Baden-Mödling“ auch Schattenseiten verbunden sind. Während der Weg von Krankenhaus-Bediensteten zu ihrer Arbeitsstätte unverändert bleibt, werden die Patienten zu Pendlern. Je nach Erkrankungsform heißt es, von Mödling nach Baden oder umgekehrt zu fahren. Die Kompetenz- und Schwerpunktverteilung macht dies notwendig. In der Bevölkerung rumort es bereits. Herausgenommen sei wahllos nur ein Beispiel: Unfallchirurgie. Auf keine Stadt Österreichs trifft der Begriff „Schulstadt“ besser zu als auf Mödling. Die Bezirkshauptstadt des gleichnamigen Bezirkes weist bei 20.800 Einwohnern insgesamt 15 Schulen auf. Die Höhere Technische Bundeslehr- und Versuchsanstalt (HTL) Mödling ist mit ihren 3.500 Schülern die größte Schule Österreichs. Bei einer derartigen Konzentration an Jugendlichen stehen Verletzungen an der Tagesordnung. Verständlicherweise waren die Lehrer in Mödling von der Meldung beunruhigt, der Schwerpunkt Unfallchirurgie werde nach Baden verlegt. Die Begleitung eines verletzten Zöglings in die Kurstadt und wieder zurück nach Mödling verursacht eine weit längere Schulabwesenheit der begleitenden Lehrperson als bisher. Schnell kam über Medien die Beruhigung der Krankenhausleitung: Die Schulstadt behalte auch zukünftig die Kinder-Unfallchirurgie.</p> <h2>Patientensteuerung als Schildbürgerstreich</h2> <p>Damit wird den Bühnenstückautoren des Stadttheaters Mödling Satirestoff für mehrere Saisonen geliefert. So oft kommt es in einer Bezirksstadt nicht vor, dass unter anderem das Alter des Verletzten darüber entscheidet, welches von zwei Krankenhäusern für ihn zuständig ist. Aber es geht noch komplizierter. Spannend wird es für alle Hobbyhandwerker Mödlings, die dem jugendlichen Alter entwachsen sind und aufgrund ihrer geringen Routine permanenter Verletzungsgefahr ausgesetzt sind. Können sie sich bei Verwundung mit eigener Kraft ins hypermoderne und neu errichtete Haus der Stadt retten, so ersparen sie sich den Weg nach Baden. Sie werden dort trotz ihres „hohen Alters“ angenommen. Gnadenhalber! Ganz anders, wenn sie die Rettung rufen. In diesem Fall geht es in die Kurstadt. Sämtliche Rettungsorganisationen bekamen die Anweisung, Frischverletzte dorthin zu bringen. Die Patienten aus Mödling wird es sicher interessieren, ob sie zukünftig nach Erstversorgung in Baden das Spital im eigenen Ort für die Nachbehandlungen in Anspruch nehmen können. Bei Redaktionsschluss konnte diese Frage weder von den Mitarbeitern des Sekretariats der Unfallabteilung in Baden noch von denen in Mödling beantwortet werden.</p> <h2>Vier Neubauten auf einer Luftlinie von 50 Kilometern</h2> <p>Die erwähnten Spitalszwillinge sind kein Einzelfall, auch für die Städte Wiener Neustadt und Neunkirchen leistet sich das Land Niederösterreich zwei getrennte Krankenhausneubauten. Ganz so, als sei die Finanzsituation des Bundeslandes rosig. Derzeit beträgt der Abstand dieser Spitäler 16km. Auch hier wäre es gesundheitspolitisch sinnvoll gewesen, beide Spitäler auf einen Neubau in Wiener Neustadt zu reduzieren. Diese Beispiele lassen gut erkennen, dass Gemeinde- und Landespolitiker bei gesundheitspolitischen Entscheidungen dieser Art weit überfordert sind. Es geht ihnen nicht um die beste medizinische Versorgung, sondern nur um das Halten von Arbeitsplätzen in der eigenen Kommune. Das Industrieviertel südlich von Wien liefert eine Sondernummer an Geldvernichtung. In keinem anderen Teil Österreichs werden auf einer Luftlinie von 50 Kilometern vier neue Spitalsbauten aus dem Boden gestampft. Proteste von Gesundheitsökonomen und der Ärzteschaft blieben ohne Wirkung. Auch der Autor dieser Zeilen hat in diversen Gremien gegen diese gesundheitspolitische Geisterfahrt beherzt angekämpft. Vergeblich!</p></p>
Das könnte Sie auch interessieren:
Arzthaftung: Vorgehen bei haftungsrechtlichen Konflikten
Die meisten haftungsrechtlichen Konflikte kündigen sich schleichend an. Ärzte sollten typische Frühwarnsignale erkennen, um rechtzeitig reagieren zu können. Durch besonnenes Vorgehen ...
„Lean, Green and Clean“ – Nachhaltigkeit in der klinischen Praxis
Ökologisch verantwortliche Gesundheitsversorgung erfordert eine systematische Transformation von klinischer Praxis, Ausbildung, Infrastruktur und Forschung. Das Modell „Lean, Green and ...
Das Aufklärungsgespräch: Was ist aus rechtlicher Sicht wichtig?
Jeder Patient hat das Recht, vom Arzt über den eigenen Gesundheitszustand, mögliche Diagnose- und Behandlungsarten, die Risiken und Folgen dieser Diagnose- und Behandlungsarten und ...