©
Getty Images/iStockphoto
Sachbücher folgen ÖHV-Themen
DAM
Autor:
Dr. Wolfgang Geppert
E-Mail: geppert@aon.at
30
Min. Lesezeit
27.04.2017
Weiterempfehlen
<p class="article-intro">Seit März dieses Jahres bereichern zwei Neuerscheinungen die Palette der gesundheitspolitischen Sachbücher.</p>
<hr />
<p class="article-content"><p>Den Anfang macht der frühere Rektor der MedUni Wien, Prof. Dr. Wolfgang Schütz. Eintritt nur nach Aufruf ist als Taschenbuch im Manz Verlag erschienen. Der Pharmakologe listet darin die Gründe für den kommenden Ärztemangel auf: elf Übel – elf Fakten. Das neue Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KA-AZG) erachtet der Autor als Hauptübel. Die Verkürzung der Arbeitszeit für Spitalsärzte auf 48 Stunden bringe die Krankenhausträger an den Rand der Unfinanzierbarkeit. Den Ärztevertretern sei eine noch nie da gewesene Gehaltserhöhung für die Spitalskollegen gelungen. Teilweise, so der Ex-Rektor, ergäben sich Erhöhungen der Grundgehälter um 40 % . Über viele Passagen hinweg erfasste mich der Eindruck, Schütz sei heimlicher Zuhörer bei den regelmäßigen ÖHV-Podiumsdiskussionen im ORF KulturCafe gewesen, um, zu Hause angekommen, die Themen des Hausärzteverbandes durch die Brille eines penibel recherchierenden Wissenschaftlers mit exaktem Zahlenmaterial zu belegen. Er thematisiert die künstliche Aufblähung der heimischen Spitäler, die Flucht der Medizinabsolventen ins Ausland und die Überproduktion von Fachärzten. Auch das Reizthema „Zwangsjacke Kassenvertrag“ findet im Buch, wenn auch nur indirekt, seinen Niederschlag. Die Wandlung vieler Kollegen von Kassen- zu Wahlärzten war bis vor einem Jahr noch ein Tabuthema. Jetzt ist es für jeden Medizinjournalisten und Fachautor geradezu ein Muss, das Thema aufzugreifen. Schütz listet akribisch genau seine Quellen auf, schlussendlich sind es knapp 300 an der Zahl. Beim Thema Hausärztemangel fällt dem Pharmakologen leider nur der allseits bekannte Ruf nach Primärversorgungszentren ein. Sie sollten, wie von Schütz in einem Zeitungsinterview gefordert, österreichweit und patientennah etabliert werden. Eine Leier, die Kassen-Allgemeinmedizinern, die tagtäglich in ihren Einzelpraxen Höchstleistungen erbringen, schon zum Hals heraushängen mag. Selbst ernannte Experten und Gesundheitsreformer haben mit der PHC-Verherrlichung begonnen. Die Zahl derer, welche die angeblichen Vorteile dieser Zentren in den Himmel heben, wird immer größer. Dass das Schriftwerk des Ex-Rektors das Zeug zum Bestseller hat, möchte ich eher bezweifeln. Für Laien ist der Text schwer verdaulich, auch wenn aus heutiger Sicht fast allen Schütz-Schlussfolgerungen zugestimmt werden muss. Sehr nahe am Patienten sehe ich die zweite Neuerscheinung: Kampf der Klassenmedizin, Untertitel: Warum wir ein gerechtes Gesundheitssystem brauchen, von Dr. Gernot Rainer. Der durch seinen spektakulären Rausschmiss aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) allseits bekannte Kollege hat den-Verlag Brandstätter gewählt, um sein Schriftwerk unter die Leute zu bringen. Das Buch kommt ohne Grafiken, Tabellen und Statistiken aus. Es ist eine Aufklärung für Patienten, die sich vom Umbruch des Systems betroffen sehen, und solche, die es noch werden. Hat man einmal mit der Lektüre der Ausführungen begonnen, gibt es kein Halten mehr, bis das Buch zu Ende gelesen ist. Über weite Passagen überkam mich das Gefühl, der Ex-Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes (ÖHV), Dr. Christian Euler, habe auf die Buch-Linie Einfluss genommen. Viele Jahre hindurch hat Euler beherzt gegen die Entsolidarisierung unserer Krankenversorgung angekämpft. Vergeblich! Beim Buch von Gernot Rainer schwingt das Herz eines engagierten Arztes mit, der um das Wohl seiner Patienten bemüht ist. Es tut nichts zur Sache, dass ich einzelne seiner Aussagen nicht teilen kann. Das brachte ich auch in meinem Statement anlässlich der Buchpräsentation zum Ausdruck: Rainer ist für mich wie ein katholischer Pfarrer, der über die Höhen und Tiefen des Ehelebens referiert. (Raunen im Publikum). Wie ein Ferrari-Fahrer, der für Geschwindigkeitsbeschränkungen eintritt. Dr. Rainer steht im Ranking der niedergelassenen Lungenfachärzte ganz oben. Sein Auftreten gegen gesundheitspolitische Missstände in diversen Medien hat ihm in bildungsnahen Schichten große Anerkennung verschafft. So konnte er den Patientenstock in seiner Wahlarztordination ausbauen. Obdachlose oder sozial Unterprivilegierte werden im Warteraum Rainers eher die Minderheit darstellen. Ein Wahlarzt mit durchschnittlich 15 Patienten pro Tag spricht über die Notwendigkeit der Zuwendungsmedizin, über ausführliche Therapiegespräche und so weiter. Es darf nicht wundern, dass in der Diskussion nach der Buchvorstellung ein Vertragsarzt der Kinderheilkunde die Niederungen der Kassenmedizin zum Ausdruck gebracht hat. Meine Ansicht ist bekannt: Die Zweiklassenmedizin ist längst Tatsache und leider unumkehrbar. Rainers Aufruf, gegen diese Form der Entsolidarisierung anzukämpfen, kommt zu spät. Bei über 10 000 Wahlärzten gegenüber 7000 Kassenkollegen scheint die Sache gelaufen zu sein. Ich halte Rainers Buch für eine Pflichtlektüre für Ärzte und Patienten. Souverän formuliert von der ersten bis zur letzten Zeile. Speziell den Jungkollegen, die sich um einen Kassenvertrag bemühen, möchte ich diese Ausführungen ans Herz legen.</p></p>
Das könnte Sie auch interessieren:
Arzthaftung: Vorgehen bei haftungsrechtlichen Konflikten
Die meisten haftungsrechtlichen Konflikte kündigen sich schleichend an. Ärzte sollten typische Frühwarnsignale erkennen, um rechtzeitig reagieren zu können. Durch besonnenes Vorgehen ...
„Lean, Green and Clean“ – Nachhaltigkeit in der klinischen Praxis
Ökologisch verantwortliche Gesundheitsversorgung erfordert eine systematische Transformation von klinischer Praxis, Ausbildung, Infrastruktur und Forschung. Das Modell „Lean, Green and ...
Das Aufklärungsgespräch: Was ist aus rechtlicher Sicht wichtig?
Jeder Patient hat das Recht, vom Arzt über den eigenen Gesundheitszustand, mögliche Diagnose- und Behandlungsarten, die Risiken und Folgen dieser Diagnose- und Behandlungsarten und ...