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Diabetesspezifische Fort- und Weiterbildung

„Wir brauchen standardisierte Curricula“

<p class="article-intro">Im Rahmen der Pressekonferenz der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) zur Österreichischen Diabetesstrategie am 5. April 2017 sprachen wir mit Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher über die Notwendigkeit, Wissen und Kompetenz der diabetesrelevanten Gesundheitsberufe auszubauen, zu vernetzen und transparent zu machen.</p> <hr /> <p class="article-content"><p><strong>Herr Prof. Wascher, Sie waren der Arbeitsgruppenleiter f&uuml;r das Handlungsfeld &bdquo;Wissen und Kompetenz der Gesundheitsdiensteanbieter&ldquo;. Welche Aspekte aus diesem Bereich sollten vordringlich angegangen werden?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Aus meiner Sicht stellen standardisierte, akkreditierte diabetesspezifische Fort- und Weiterbildungscurricula, die dort, wo sie nicht existieren, unbedingt geschaffen werden m&uuml;ssen, ein besonders bedeutendes Thema dar. Dies ist mir deshalb ein so zentrales Anliegen, weil hier immer wieder von unterschiedlichsten Seiten behauptet wird, dass es diese ja bereits gebe. F&uuml;r den &auml;rztlichen Bereich zumindest stimmt das jedoch schlichtweg nicht. Deshalb wird die &Ouml;DG n&auml;chstes Jahr erstmals einen Kurs unter dem Arbeitstitel &bdquo;Praktische Diabetologie&ldquo; f&uuml;r &Auml;rzte im Ausma&szlig; von ungef&auml;hr 20 DFP-Punkten auf freiwilliger Basis anbieten. Dabei handelt es sich vorerst ausschlie&szlig;lich um einen reinen Erwerb von Kompetenzen und Fertigkeiten, um Menschen mit Diabetes besser versorgen zu k&ouml;nnen. Zus&auml;tzliche Abrechnungsm&ouml;glichkeiten entstehen f&uuml;r die Absolventen dadurch vorerst nicht. Wichtig ist zun&auml;chst vielmehr, dass Fortbildung auf standardisierter, qualit&auml;tskontrollierter Basis tats&auml;chlich ins Leben gerufen wird. Dieser Schritt ist eine wesentliche Voraussetzung daf&uuml;r, nicht nur Versorgungsgerechtigkeit (im Sinne einer &ouml;sterreichweit gleichen Versorgung), sondern auch Versorgungsoptimierung zu erreichen.<br /><br /> <strong>Wird dies nicht bereits durch &bdquo;Therapie Aktiv&ldquo; erf&uuml;llt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> &Auml;rzte, die an &bdquo;Therapie Aktiv&ldquo; teilnehmen, m&uuml;ssen eine sogenannte Fortbildung durchlaufen und k&ouml;nnen danach spezifische Leistungen abrechnen. Das Problem liegt hier aber in der Inhomogenit&auml;t der Inhalte. Bei dieser Ausbildung kann es sich in einzelnen Bundesl&auml;ndern um eine zweist&uuml;ndige Online-Schulung zum Umgang mit den Formularen oder aber, wie es zum Beispiel in Salzburg der Fall ist, um zw&ouml;lf bis vierzehn Stunden echten Wissenserwerb zum Thema Diabetes handeln. Die zuk&uuml;nftig von der &Ouml;DG angebotene Fortbildung wird einheitlich sein und auch deutlich dar&uuml;ber hinausgehen.<br /><br /> <strong>In Deutschland gibt es den Diabetologen nach DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft). Wird so etwas auch f&uuml;r &Ouml;sterreich angestrebt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Ich glaube, dass dies in &Ouml;sterreich derzeit nicht umsetzbar ist. Das Curriculum dieser Ausbildung in Deutschland umfasst sehr viele Ausbildungsstunden und die teilnehmenden &Auml;rzte m&uuml;ssen f&uuml;r ein halbes Jahr in einem Zentrum angestellt arbeiten oder hospitieren. Eine derartige Ausbildung macht auch nur Sinn, wenn hinterher auch ad&auml;quate Abrechnungsm&ouml;glichkeiten vorhanden sind. Sehr wohl denkbar w&auml;re aber beispielsweise eine modulare Ausbildung, in der die Diabetesbasistherapie, die Grundz&uuml;ge der Insulinbehandlung und als &bdquo;High End&ldquo;-Ausbildung die funktionelle Insulintherapie in je ca. 20 Stunden geschult werden. Im Idealfall w&uuml;rden nach Durchlaufen aller Module nicht nur ein Zertifikat als Kompetenzbest&auml;tigung, sondern auch entsprechende Abrechnungspositionen zur Verf&uuml;gung stehen.<br /><br /> <strong>Soll diese Fortbildung ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die &Ouml;DG angeboten werden?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Nein. In der Kompetenz der Fachgesellschaft muss es liegen, den inhaltlichen Rahmen vorzugeben, sie hat aber sicherlich nicht die Ressourcen und erhebt auch gar nicht den Anspruch, den gesamten Fortbildungsbedarf abzudecken. Wir als &Ouml;DG k&ouml;nnen im Jahr eventuell zwei bis drei Veranstaltungen umsetzen und so ca. 60&ndash;80 &Auml;rzte fortbilden. Daher kann und soll eine solche Fortbildung nat&uuml;rlich auch von anderen Fortbildungsanbietern angeboten werden. Die Etablierung derartiger standardisierter Fortbildungen sollte jedenfalls Grundlage daf&uuml;r sein, mit Stakeholdern wie der &Auml;rztekammer oder &bdquo;Therapie Aktiv&ldquo; in Dialog treten zu k&ouml;nnen, um einheitliche Fort- und Weiterbildungsm&ouml;glichkeiten auf breiterer Basis anbieten zu k&ouml;nnen.<br /><br /> <strong>Eine der Handlungsempfehlungen in der Diabetesstrategie ist, Wissen, Kompetenzen und Verf&uuml;gbarkeit der integrierten Versorgung sichtbar zu machen. Was ist damit gemeint?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Nehmen wir das Beispiel &bdquo;Therapie Aktiv&ldquo;. Gute Diabetesbetreuung gibt es sicherlich auch au&szlig;erhalb von Disease-Management-Programmen. Im Rahmen solcher Programme wird die kompetente Versorgung jedoch auch transparent. Individuelle Therapieziele und deren Erreichen m&uuml;ssen dokumentiert werden. Dar&uuml;ber hinaus wird ersichtlich, ob die wichtigsten Routineuntersuchungen auch gemacht worden sind. Grunds&auml;tzlich ist das in jedem System, das eine solche Strukturkontrolle anbietet, m&ouml;glich. Am Ende geht es darum, dass wesentliche Kontrollen nicht aufgrund limitierter Zeitressourcen &uuml;bersehen werden. W&uuml;nschenswert w&auml;re es, diese Programme an die Absolvierung der erw&auml;hnten standardisierten und akkreditierten Diabetesfortbildungen im Rahmen des DFP zu binden.<br /><br /> <strong>Hei&szlig;t das im Endeffekt nicht irgendwann Bezahlung nach Fortbildungsstatus und Behandlungsqualit&auml;t?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Eher Bezahlung nach Managementqualit&auml;t. Es gibt viele Patienten, die ihre Zielwerte nicht erreichen k&ouml;nnen, weil Nebenwirkungen auftreten, weil die Patienten nicht k&ouml;nnen oder nicht wollen. Vorstellbar w&auml;ren Modelle, in denen begr&uuml;ndet werden muss, warum z.B. ein HbA1c von 9 % f&uuml;r einen bestimmten Patienten akzeptiert wird. M&ouml;glicherweise w&auml;ren in einem weiteren Schritt Feedback-Systeme denkbar, die zum Beispiel nachfragen, warum ein Patient bei ausbleibendem Therapieerfolg noch nicht an einen Spezialisten weitergeleitet wurde. Wir sehen in den Zentren immer noch zahlreiche Patienten, bei denen eine &Uuml;berweisung viel zu sp&auml;t erfolgt.<br /><br /> <strong>Die Diabetologie ist in der gl&uuml;cklichen Lage, dass in letzter Zeit sehr viel wissenschaftliche Evidenz aus Endpunktstudien publiziert wurde. Wird diese Evidenz in der Praxis ausreichend umgesetzt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Dieses Thema ist nicht auf den Diabetes beschr&auml;nkt. Die Integration wissenschaftlicher Evidenz in die Patientenbehandlung bedarf eines grunds&auml;tzlichen Umdenkens: In dem Moment, wo Evidenz vorhanden ist, muss ich mich an diese Evidenz halten. Ich muss dann nicht mehr argumentieren, warum ich therapeutisch etwas tue, sondern vielmehr, warum ich es nicht tue.<br /><br /> <strong>Quasi eine Beweislastumkehr?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Genau. Nehmen wir das aktuellste Beispiel aus der Lipidologie. Die FOURIER-Studie hat gezeigt, dass die zus&auml;tzliche Gabe des PCSK9- Hemmers Evolocumab zus&auml;tzlich zu einer Statintherapie das kardiovaskul&auml;re Risiko der Patienten weiter senken kann. Mit diesen Daten ist klar, dass ich mich bei einem Hochrisikopatienten nicht mit einem LDL-Cholesterin-Spiegel von 80mg/dl zufrieden geben kann, wenn ich die M&ouml;glichkeit habe, diesen weiter zu senken. Wenn es nicht geht, ist das etwas anderes, aber wenn ich die M&ouml;glichkeit habe, gibt es eben keine Rationale mehr, es nicht zu tun. Gleiches gilt f&uuml;r die Outcome-Studien mit Antidiabetika, die EmpaReg-Outcome- Studie mit Empagliflozin und die LEADER- Studie mit Liraglutid. Wenn ein Patient den in diesen Studien untersuchten Kollektiven entspricht, ist die Nichtanwendung dieser Medikamente bewusste Verleugnung der Evidenz. Dieses Umdenken hat gl&uuml;cklicherweise &uuml;ber weite Strecken schon stattgefunden, allerdings noch nicht in dem Ausma&szlig;, in dem man sich dies w&uuml;nschen w&uuml;rde.<br /><br /> <strong>In den Handlungsempfehlungen wird nicht nur die Bedeutung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen diabetesrelevanten Gesundheitsberufen, sondern auch die Bedeutung gemeinsam zu absolvierender Ausbildungsmodule betont. Wie ist die derzeitige Situation?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Was das Kernteam in der Diabetesbehandlung betrifft, sieht die Situation in &Ouml;sterreich eigentlich recht gut aus. Wir haben zum Beispiel bei den Tagungen der &Ouml;DG ein sehr gemischtes Publikum. Es kommen nicht nur &Auml;rzte, sondern auch viele Kollegen aus dem Bereich der Diabetesberatung. Zudem bieten wir im Programm auch immer Raum f&uuml;r die berufsspezifischen Themen von Diabetesberatern und Di&auml;tologen an. Was den Informationsfluss und die Zusammenarbeit mit diabetesrelevanten Berufsgruppen au&szlig;erhalb des Kernteams betrifft, passiert vieles jedoch nach wie vor ausschlie&szlig;lich auf Eigeninitiative hin. Ich denke da beispielsweise an die Zusammenarbeit mit orthop&auml;dischen Schuhmachern hinsichtlich der Versorgung von Menschen mit diabetischem Fu&szlig;syndrom. Wahrscheinlich wird dies auch in Zukunft schwer zu institutionalisieren sein. Hier gilt es eher, die Akzeptanz daf&uuml;r zu f&ouml;rdern, dass diese Eigeninitiative notwendig ist.<br /><br /> <strong>Danke f&uuml;r das Gespr&auml;ch!</strong></p></p>
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