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„Wir brauchen standardisierte Curricula“
Jatros
30
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04.05.2017
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<p class="article-intro">Im Rahmen der Pressekonferenz der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) zur Österreichischen Diabetesstrategie am 5. April 2017 sprachen wir mit Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher über die Notwendigkeit, Wissen und Kompetenz der diabetesrelevanten Gesundheitsberufe auszubauen, zu vernetzen und transparent zu machen.</p>
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<p class="article-content"><p><strong>Herr Prof. Wascher, Sie waren der Arbeitsgruppenleiter für das Handlungsfeld „Wissen und Kompetenz der Gesundheitsdiensteanbieter“. Welche Aspekte aus diesem Bereich sollten vordringlich angegangen werden?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Aus meiner Sicht stellen standardisierte, akkreditierte diabetesspezifische Fort- und Weiterbildungscurricula, die dort, wo sie nicht existieren, unbedingt geschaffen werden müssen, ein besonders bedeutendes Thema dar. Dies ist mir deshalb ein so zentrales Anliegen, weil hier immer wieder von unterschiedlichsten Seiten behauptet wird, dass es diese ja bereits gebe. Für den ärztlichen Bereich zumindest stimmt das jedoch schlichtweg nicht. Deshalb wird die ÖDG nächstes Jahr erstmals einen Kurs unter dem Arbeitstitel „Praktische Diabetologie“ für Ärzte im Ausmaß von ungefähr 20 DFP-Punkten auf freiwilliger Basis anbieten. Dabei handelt es sich vorerst ausschließlich um einen reinen Erwerb von Kompetenzen und Fertigkeiten, um Menschen mit Diabetes besser versorgen zu können. Zusätzliche Abrechnungsmöglichkeiten entstehen für die Absolventen dadurch vorerst nicht. Wichtig ist zunächst vielmehr, dass Fortbildung auf standardisierter, qualitätskontrollierter Basis tatsächlich ins Leben gerufen wird. Dieser Schritt ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, nicht nur Versorgungsgerechtigkeit (im Sinne einer österreichweit gleichen Versorgung), sondern auch Versorgungsoptimierung zu erreichen.<br /><br /> <strong>Wird dies nicht bereits durch „Therapie Aktiv“ erfüllt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Ärzte, die an „Therapie Aktiv“ teilnehmen, müssen eine sogenannte Fortbildung durchlaufen und können danach spezifische Leistungen abrechnen. Das Problem liegt hier aber in der Inhomogenität der Inhalte. Bei dieser Ausbildung kann es sich in einzelnen Bundesländern um eine zweistündige Online-Schulung zum Umgang mit den Formularen oder aber, wie es zum Beispiel in Salzburg der Fall ist, um zwölf bis vierzehn Stunden echten Wissenserwerb zum Thema Diabetes handeln. Die zukünftig von der ÖDG angebotene Fortbildung wird einheitlich sein und auch deutlich darüber hinausgehen.<br /><br /> <strong>In Deutschland gibt es den Diabetologen nach DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft). Wird so etwas auch für Österreich angestrebt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Ich glaube, dass dies in Österreich derzeit nicht umsetzbar ist. Das Curriculum dieser Ausbildung in Deutschland umfasst sehr viele Ausbildungsstunden und die teilnehmenden Ärzte müssen für ein halbes Jahr in einem Zentrum angestellt arbeiten oder hospitieren. Eine derartige Ausbildung macht auch nur Sinn, wenn hinterher auch adäquate Abrechnungsmöglichkeiten vorhanden sind. Sehr wohl denkbar wäre aber beispielsweise eine modulare Ausbildung, in der die Diabetesbasistherapie, die Grundzüge der Insulinbehandlung und als „High End“-Ausbildung die funktionelle Insulintherapie in je ca. 20 Stunden geschult werden. Im Idealfall würden nach Durchlaufen aller Module nicht nur ein Zertifikat als Kompetenzbestätigung, sondern auch entsprechende Abrechnungspositionen zur Verfügung stehen.<br /><br /> <strong>Soll diese Fortbildung ausschließlich über die ÖDG angeboten werden?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Nein. In der Kompetenz der Fachgesellschaft muss es liegen, den inhaltlichen Rahmen vorzugeben, sie hat aber sicherlich nicht die Ressourcen und erhebt auch gar nicht den Anspruch, den gesamten Fortbildungsbedarf abzudecken. Wir als ÖDG können im Jahr eventuell zwei bis drei Veranstaltungen umsetzen und so ca. 60–80 Ärzte fortbilden. Daher kann und soll eine solche Fortbildung natürlich auch von anderen Fortbildungsanbietern angeboten werden. Die Etablierung derartiger standardisierter Fortbildungen sollte jedenfalls Grundlage dafür sein, mit Stakeholdern wie der Ärztekammer oder „Therapie Aktiv“ in Dialog treten zu können, um einheitliche Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten auf breiterer Basis anbieten zu können.<br /><br /> <strong>Eine der Handlungsempfehlungen in der Diabetesstrategie ist, Wissen, Kompetenzen und Verfügbarkeit der integrierten Versorgung sichtbar zu machen. Was ist damit gemeint?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Nehmen wir das Beispiel „Therapie Aktiv“. Gute Diabetesbetreuung gibt es sicherlich auch außerhalb von Disease-Management-Programmen. Im Rahmen solcher Programme wird die kompetente Versorgung jedoch auch transparent. Individuelle Therapieziele und deren Erreichen müssen dokumentiert werden. Darüber hinaus wird ersichtlich, ob die wichtigsten Routineuntersuchungen auch gemacht worden sind. Grundsätzlich ist das in jedem System, das eine solche Strukturkontrolle anbietet, möglich. Am Ende geht es darum, dass wesentliche Kontrollen nicht aufgrund limitierter Zeitressourcen übersehen werden. Wünschenswert wäre es, diese Programme an die Absolvierung der erwähnten standardisierten und akkreditierten Diabetesfortbildungen im Rahmen des DFP zu binden.<br /><br /> <strong>Heißt das im Endeffekt nicht irgendwann Bezahlung nach Fortbildungsstatus und Behandlungsqualität?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Eher Bezahlung nach Managementqualität. Es gibt viele Patienten, die ihre Zielwerte nicht erreichen können, weil Nebenwirkungen auftreten, weil die Patienten nicht können oder nicht wollen. Vorstellbar wären Modelle, in denen begründet werden muss, warum z.B. ein HbA1c von 9 % für einen bestimmten Patienten akzeptiert wird. Möglicherweise wären in einem weiteren Schritt Feedback-Systeme denkbar, die zum Beispiel nachfragen, warum ein Patient bei ausbleibendem Therapieerfolg noch nicht an einen Spezialisten weitergeleitet wurde. Wir sehen in den Zentren immer noch zahlreiche Patienten, bei denen eine Überweisung viel zu spät erfolgt.<br /><br /> <strong>Die Diabetologie ist in der glücklichen Lage, dass in letzter Zeit sehr viel wissenschaftliche Evidenz aus Endpunktstudien publiziert wurde. Wird diese Evidenz in der Praxis ausreichend umgesetzt?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Dieses Thema ist nicht auf den Diabetes beschränkt. Die Integration wissenschaftlicher Evidenz in die Patientenbehandlung bedarf eines grundsätzlichen Umdenkens: In dem Moment, wo Evidenz vorhanden ist, muss ich mich an diese Evidenz halten. Ich muss dann nicht mehr argumentieren, warum ich therapeutisch etwas tue, sondern vielmehr, warum ich es nicht tue.<br /><br /> <strong>Quasi eine Beweislastumkehr?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Genau. Nehmen wir das aktuellste Beispiel aus der Lipidologie. Die FOURIER-Studie hat gezeigt, dass die zusätzliche Gabe des PCSK9- Hemmers Evolocumab zusätzlich zu einer Statintherapie das kardiovaskuläre Risiko der Patienten weiter senken kann. Mit diesen Daten ist klar, dass ich mich bei einem Hochrisikopatienten nicht mit einem LDL-Cholesterin-Spiegel von 80mg/dl zufrieden geben kann, wenn ich die Möglichkeit habe, diesen weiter zu senken. Wenn es nicht geht, ist das etwas anderes, aber wenn ich die Möglichkeit habe, gibt es eben keine Rationale mehr, es nicht zu tun. Gleiches gilt für die Outcome-Studien mit Antidiabetika, die EmpaReg-Outcome- Studie mit Empagliflozin und die LEADER- Studie mit Liraglutid. Wenn ein Patient den in diesen Studien untersuchten Kollektiven entspricht, ist die Nichtanwendung dieser Medikamente bewusste Verleugnung der Evidenz. Dieses Umdenken hat glücklicherweise über weite Strecken schon stattgefunden, allerdings noch nicht in dem Ausmaß, in dem man sich dies wünschen würde.<br /><br /> <strong>In den Handlungsempfehlungen wird nicht nur die Bedeutung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen diabetesrelevanten Gesundheitsberufen, sondern auch die Bedeutung gemeinsam zu absolvierender Ausbildungsmodule betont. Wie ist die derzeitige Situation?<br /><br /> T. C. Wascher:</strong> Was das Kernteam in der Diabetesbehandlung betrifft, sieht die Situation in Österreich eigentlich recht gut aus. Wir haben zum Beispiel bei den Tagungen der ÖDG ein sehr gemischtes Publikum. Es kommen nicht nur Ärzte, sondern auch viele Kollegen aus dem Bereich der Diabetesberatung. Zudem bieten wir im Programm auch immer Raum für die berufsspezifischen Themen von Diabetesberatern und Diätologen an. Was den Informationsfluss und die Zusammenarbeit mit diabetesrelevanten Berufsgruppen außerhalb des Kernteams betrifft, passiert vieles jedoch nach wie vor ausschließlich auf Eigeninitiative hin. Ich denke da beispielsweise an die Zusammenarbeit mit orthopädischen Schuhmachern hinsichtlich der Versorgung von Menschen mit diabetischem Fußsyndrom. Wahrscheinlich wird dies auch in Zukunft schwer zu institutionalisieren sein. Hier gilt es eher, die Akzeptanz dafür zu fördern, dass diese Eigeninitiative notwendig ist.<br /><br /> <strong>Danke für das Gespräch!</strong></p></p>
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