Aktuelle Entwicklungen in der Diabetestechnologie in Österreich
Autorin:
Dr. Lisa Frühwald
5. Med. Abteilung für Endokrinologie, Rheumatologie und Akutgeriatrie
Klinik Ottakring, Wien
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Die Diabetestechnologie entwickelt sich rasant weiter und bietet Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes immer mehr Möglichkeiten, ihren Alltag zu erleichtern und Diabetes-Distress zu reduzieren. In Österreich sind derzeit zwei automatisierte Insulinabgabesysteme (AID) verordenbar (Stand Juli 2026).
Keypoints
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Die Diabetestechnologie entwickelt sich schnell weiter, und die Nutzung von AID-Systemen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ist in Österreich auf dem Vormarsch. Allerdings sind bei Weitem nicht alle Systeme hierzulande verfügbar, was die Auswahl für Patient:innen einschränkt. Unterschiedliche Diabetestechnologien werden von immer mehr Menschen mit Diabetes, unabhängig vom Typ, genutzt, doch der Zeitaufwand in der Betreuung wird oft unterschätzt. Neue Algorithmen im Sinne eines „fully closed loop“ und kontinuierliche subkutane Ketonmessung können den Alltag von Menschen mit Diabetes weiter vereinfachen.
Diabetestechnologie im Wandel
Die Behandlung von Diabetes hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Besonders im Bereich der Diabetestechnologie gibt es immer mehr Innovationen, insbesondere mit automatisierten Insulinabgabesystemen (AID). Diese passen die Insulinabgabe automatisch an die subkutan gemessenen Glukosewerte an und können so den Alltag von Menschen mit Diabetes deutlich vereinfachen. Laut dem Diabetes-Technologie-Report 2026 nutzen bereits 88% der Menschen mit Typ-1-Diabetes in Österreich kontinuierliche Glukosemessungen (CGM) und 52% AID-Systeme (Abb. 1). Aber auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes steigt die Nutzung von Diabetestechnologien, unabhängig von der Therapieform (Abb. 2).
Abb. 1: Anteil der Menschen mit Typ-1-Diabetes, die Diabetestechnologien nutzen (aus dem Diabetes-Technologie-Report 2026)
Abb. 2: Anteil der Menschen mit Typ-2-Diabetes mit Diabetestechnologien (aus dem Diabetes-Technologie-Report 2026)
Herausforderungen in der Praxis: Zeitaufwand und Schulungsbedarf
Trotz der vielen Vorteile, die moderne Diabetestechnologien bieten, gibt es auch Herausforderungen. Eine davon ist der erhöhte Zeitaufwand, der mit der Betreuung von Menschen mit Diabetes verbunden ist, die diese Technologien nutzen. Laut dem Diabetes-Technologie-Report 2026 erfordert die Betreuung von Menschen mit Typ-1-Diabetes mit AID-Systemen den höchsten zeitlichen Aufwand pro Sprechstunde (ca. 30 Minuten versus 16 Minuten bei Patienten mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie) (Abb. 3). Dieser Mehraufwand wird jedoch oft nicht adäquat vergütet, was eine Herausforderung für die medizinischen Einrichtungen darstellt.
Abb. 3: Dauer der Sprechstunden pro Patient:in in Minuten (aus dem Diabetes-Technologie-Report 2026)
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Schulungsbedarf. Neue Technologien erfordern eine gründliche Einweisung der Patient:innen, damit diese die Systeme korrekt und sicher nutzen können. Hier können neue Schulungsunterlagen und digitale Tools eine wertvolle Unterstützung bieten. Die Digitalisierung kann gut ausgebildetes Schulungspersonal nicht ersetzen, denn die persönliche Einschulung an den Geräten und das Üben und Proben aller „Pitfalls“ sind für die Notsituationen im Alltag essenziell.
ÖDG-Leitlinie Update 2026
Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) hat in ihren 2026-Updates der Guidelines neue evidenzbasierte Empfehlungen zum Einsatz von Diabetestechnologie veröffentlicht:
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CGM („continuous glucose monitoring“): Mit Evidenzgrad Ib wird nun der Routineeinsatz von CGM für alle Menschen mit Diabetes bei jeder Art von Insulintherapie empfohlen. Auch bei neu diagnostiziertem Diabetes mellitus Typ 1 hat sich der Evidenzgrad des Routineeinsatzes von CGM von IV auf IIa erhöht.
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AID(„automated insulin delivery“)-Systeme: Das Evidenzlevel für die Empfehlung, AID-Systeme bei allen Menschen mit Typ-1-Diabetes bevorzugt einzusetzen, hat sich von Ib auf Ia verbessert. Dies basiert auf Studiendaten, die zeigen, dass diese Therapieform nicht nur die Zeit im Zielbereich (TIR) erhöht sowie Hyper- und Hypoglykämien reduziert, sondern auch die Lebensqualität der Betroffenen deutlich steigert.
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„Connected insulin pens“: Ein neuer Abschnitt und eine neue Empfehlung wurden zu „connected insulin pens“ hinzugefügt. Dies ist ein Überbegriff für alle Insulinpens, die die abgegebene Insulindosis speichern und an Apps übermitteln. Diese Pens „sollen Menschen mit CGM und Pen-Therapie empfohlen werden, um das Injektionsverhalten besser zu verstehen und zu adaptieren (Evidenzgrad IIa)“. Dies ermöglicht eine präzisere Anpassung der Therapie und eine bessere Kontrolle des Diabetesmanagements.
AID-Systeme in Österreich: Verfügbarkeit und Neuerungen
In Österreich sind aktuell (Stand Juli 2026) zwei AID-Systeme erhältlich, die auf unterschiedlichen Technologien basieren, und weitere in der Pipeline (Tab. 1).
Verfügbar
myloop™ mit YpsoPump powered by CamAPS FX:
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Neu: Integration von Dexcom G7 neben Libre 3 Plus (Dexcom G6 läuft aus)
MiniMed™ 780G-System (früher Medtronic):
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Neu seit 2025: CE-Kennzeichnung für Kinder ab 2 Jahren, Typ-1-Diabetes und Schwangerschaft sowie Erwachsene mit Typ-2-Diabetes
In der Pipeline
Tandem t:slim X2™ mit Control-IQ+:
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Cloud-Integration in Glooko zum Datenauslesen
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Geplante Integration mit Dexcom G7 und Freestyle Libre 3 Plus
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Neu seit 2026: CE-Kennzeichnung für Typ-1-Diabetes und Schwangerschaft sowie Erwachsene mit Typ-2-Diabetes
Aktuelle Entwicklungen
Das MiniMed Go System ersetzt als neue App die InPen und die Simplera Sensor App. Der Dosisrechner kann in unterschiedlichen Versionen genutzt werden und könnte für viele Menschen mit Diabetes mit Insulintherapie eine Erleichterung darstellen, da er von der genauen Kohlenhydratzählung, der Mahlzeitschätzung bis zur festen Dosis genutzt werden kann. Die Alarme können beispielsweise auf vergessene Mahlzeitenboli oder zu niedrige Boli hinweisen. Ende 2025 wurde die erste retrospektive Analyse von 1852 Menschen mit Typ-1-Diabetes publiziert, die die MiniMed Smart Pen nutzten (siehe Cohen etal.). Als wichtigste Schlussfolgerung zeigte sich, dass die Menschen, die am schnellsten und häufigsten auf Alarme mit entsprechenden Boli reagierten, die besten Zielwerte erreichten.
Für Ende 2026 wurden auch die neuen Instinct Sensoren von MiniMed angekündigt. Diese werden von MiniMed vertrieben, aber von Abbott produziert und ähneln den Libre-Sensoren. Die Instinct Sensoren sollen mit dem AID-System sowie mit der Smartpen-App kombinierbar sein.
GLP-1-Rezeptor-Agonisten bei Typ-1-Diabetes
Ein weiteres viel diskutiertes Thema ist der Off-Label-Einsatz von GLP-1-RezeptorAgonisten (GLP-1-RA) bei Menschen mit Typ-1-Diabetes. Während SGLT2-Inhibitoren bei Typ-1-Diabetes aufgrund des erhöhten Risikos für eine diabetische Ketoazidose (DKA) kontraindiziert sind, haben diese gemeinsam mit GLP-1-RA die Therapie des Typ-2-Diabetes durch ihre pleiotropen Effekte – insbesondere die kardiovaskuläre und renale Risikoreduktion – revolutioniert. Gerade bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die oft seit der Kindheit erkrankt sind, könnte eine solche Risikominimierung von besonderer Relevanz sein.
Aktuell liegt keine offizielle Zulassung für GLP-1-RA bei Typ-1-Diabetes vor. Ein kürzlich publizierter Konsensreport von Garg et al. (2026) bietet jedoch evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für einen sicheren Einsatz. Ein zentraler Punkt ist das erhöhte Hypoglykämierisiko, das durch die Reduktion des Insulinbedarfs – insbesondere des Bolusinsulins – entsteht. In einer retrospektiven Kohortenstudie von Garg et al. (2025) an 84 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes wurde der Einsatz von Tirzepatid über 21 Monate untersucht. Dabei zeigte sich eine Reduktion der Gesamttagesinsulindosis um das 16-Fache, der Basaldosis um das 5-Fache und der Bolusdosis um das 23-Fache. Zudem kam es zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 23% sowie zu einer signifikanten Senkung des Gesamtcholesterins, des LDL-Cholesterins, der Triglyzeride und des systolischen Blutdrucks. Der Konsensreport empfiehlt, die Dosis langsam zu titrieren, und betont, dass in vielen Fällen keine Erhöhung auf die für Adipositas oder Typ-2-Diabetes übliche Höchstdosis erforderlich ist. Diese Ergebnisse legen nahe, dass GLP-1-RA eine vielversprechende Therapieoption für ausgewählte Patient:innen mit Typ-1-Diabetes – insbesondere bei Vorliegen einer Adipositas oder Insulinresistenz – darstellen könnten. Allerdings muss die Anwendung stets unter engmaschiger Kontrolle erfolgen, verbunden mit einer kontinuierlichen Anpassung der Insulindosis.
Was ist am Horizont?
Viel Diskussion und große Erwartungen gibt es bezüglich des neuen kontinuierlichen Glukose-Keton-Sensors „Libre Duo“ von Abbott. Mehrere Hersteller haben bereits angekündigt, diesen neuen Sensor in ihre AID-Algorithmen integrieren zu wollen. Inzwischen hat er auch eine CE-Kennzeichnung erhalten. Dieser neue Sensor könnte in Zukunft die Zahl der DKA reduzieren, wenn Menschen mit Diabetes entsprechend auf erhöhte Werte reagieren. Nicht nur für Menschen mit häufigen DKA, sondern auch für solche, die SGLT2i einnehmen, könnte dieser neue Sensor sehr hilfreich sein. Ein Expert:innenkomitee hat hierzu im Jänner 2026 praktische Empfehlungen zu den Grenzwerten und entsprechende Handlungsanweisungen publiziert.
Ein AID-System, das in Österreich derzeit noch nicht erhältlich ist, ist der Omnipod® 5 von der Firma Insulet. Dieses System zeichnet sich durch seine Schlauchlosigkeit aus und könnte in Zukunft eine weitere Option für Menschen mit Diabetes darstellen. Es ist leider weiterhin offen, wann dieses System auch in Österreich verfügbar sein wird (Stand Juli 2026).
Ein besonderer Entwicklungsschwerpunkt sind die neuen „Fully closed loop“-Algorithmen. Die Besonderheit liegt darin, dass Mahlzeiten nicht mehr angekündigt werden müssen. Fehlerhafte Kohlenhydratberechnung, fehlende oder zu späte Bolusabgaben zu den Mahlzeiten sind häufige Gründe für mehr Zeit außerhalb der Zielbereiche und für Diabetes-Distress.
Beim ATTD-Kongress 2026 in Barcelona wurden hierzu einige Studiendaten präsentiert. Das System von CamDiab mit CamAPS Liberty ist bereits CE-zertifiziert. MiniMed arbeitet mit dem Vivera-Algorithmus an einem „Fully closed loop“ System und plant zunächst eine Einführung im amerikanischen Markt. Auch die Firma Insulet hat ihre Timeline vorgestellt, konzentriert sich derzeit aber auf „Fully closed loop“-Algorithmen für Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Literatur:
● Cohen O et al.: First real-world data on newest Medtronic Smart MDI system shows users responding to actionable alerts experienced strongest outcomes. https://news.medtronic.com/First-real-world-data-on-newest-Medtronic-Smart-MDI-system-shows-users-responding-to-actionable-alerts-experienced-strongest-outcomes ; zuletzt aufgerufen am 8.9.2026 ● Dhatariya K et al.: Continuous ketone monitoring for people with diabetes: international expert recommendations on the application of a new technology. Lancet Diabetes Endocrinol 2026; 14(1): 82-92 ● Garg SK et al.: Cardiovascular and renal biomarkers in overweight and obese adults with type 1 diabetes treated with Tirzepatide for 21 months. Diabetes Technol Ther 2025; 27(3): 152-60 ● Garg SK et al.: Adjunctive treatment with GLP-1 and dual GLP-1/GIP receptor agonists for people with type 1 diabetes: consensus report and practical guidelines for safe use. Diabetes Technol Ther 2026: 15209156261449879 ● Laurenzi A et al.: Insights into the effective use of the Smart MDI system: data from the first 1852 type 1 diabetes users. Diabet Med 2025; 42(12): e70161 ● Kadiyala N et al.: Lived experience of fully closed-loop insulin delivery in adolescents with type 1 diabetes and HbA1c above target. Diabetes Res Clin Pract 2026; 232: 113078 ● Kulzer B et al.: dt-report 2026: daten der healthcare professionals (HCPs). Alle Ergebnisse der DACH-Region, sowie gesondert für deutsche HCPs. https://dt-report.de/report; zuletzt aufgerufen am 8.9.2026 ● Schütz-Fuhrmann I et al.: Diabetestechnologie (Update 2026). Wien Klin Wochenschr 2026; 138(4): 161-70 ● Wilkinson et al.: Evaluating glucose control using a next-generation automated insulin delivery algorithm in patients with type 1 and type 2 diabetes: The EVOLUTION study. Diabetes Technol Ther 2025; 27(4): 323-8
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