Das ANETS-Register zur Versorgung seltener neuroendokriner Tumoren
Autor:innen:
Dr. Florian Rainer1
Priv.-Doz. Dr. Patrizia Constantini-Kump1
Univ.-Prof. Dr. Rainer Lipp2
Ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Barbara Kiesewetter-Wiederkehr3
1 Klinische Abteilung für Gastroenterologie & Hepatologie, Universitätsklinik für Innere Medizin, Medizinische Universität Graz
2 Klinische Abteilung für Onkologie, Universitätsklinik für Innere Medizin, Medizinische Universität Graz
3 Klinische Abteilung für Onkologie, Universitätsklinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien
E-Mail: florian.rainer@medunigraz.at
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Neuroendokrine Tumoren (NET) zählen zu den seltenen, aber zunehmend diagnostizierten Krebserkrankungen.1 Ihre Heterogenität stellt die klinische Versorgung vor Herausforderungen. Das österreichische „Austrian Neuroendocrine Tumor Society-Register“ (ANETS-Register) bietet seit knapp einem Jahrzehnt wertvolle Einblicke in Epidemiologie, Biologie und Therapie dieser komplexen Tumorentität.
Keypoints
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NET haben eine jährliche Inzidenz von etwa 5 pro 100000 Personen.
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Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 61 Jahren, jedoch liegen hier Unterschiede je nach Tumorlokalisation vor.
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ANETS sammelt klinisch relevante Daten zu NET-Patient:innen.
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Meist werden keine Symptome berichtet, jedoch am häufigsten Diarrhö, epigastrische Schmerzen und rezidivierende Hypoglykämien.
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Häufig sind NET mit Zweitmalignomen assoziiert.
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Am häufigsten werden NET in einem G1-Stadium diagnostiziert (49%).
Neuroendokrine Tumoren zählen zu den seltenen und heterogenen Neoplasien mit einer jährlichen Inzidenz von etwa 5 pro 100000 Personen.2 Über zehn verschiedene Entitäten sind beschrieben, die sich in Biologie, klinischem Verlauf und Prognose teils erheblich unterscheiden.3 Um dieser Komplexität gerecht zu werden, sind hochwertige und strukturierte klinische Daten unerlässlich, sowohl zur Optimierung der Versorgung als auch zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen. Mit diesem Ziel wurde 2014 das österreichische NET-Register initiiert, ein Projekt der Austrian Neuroendocrine Tumor Society (ANETS), das klinisch relevante Daten zu NET-Patient:innen sammelt.
Zahlen, die zählen
Bis Ende 2024 konnten insgesamt 974 Patient:innen in das Register aufgenommen werden, davon 460in Graz und 514 in Wien. Obwohl in Wien erst 2019 mit der Rekrutierung begonnen wurde, konnte der Standort Graz – wohl auch begünstigt durch das größere Einzugsgebiet der Hauptstadt – überholt werden.
Die Geschlechterverteilung in der Kohorte ist mit 51% Frauen und 49% Männern nahezu ausgeglichen. Die häufigsten Lokalisationen der Tumoren betreffen das Pankreas (35%) sowie das Jejunum/Ileum (24%). NET des Rektums machen ca. 10% der Fälle aus, gefolgt von NET der Lunge (9%) und des Magens (5%). Weniger häufig liegt der Ursprung des Tumors im Duodenum, in der Appendix oder im übrigen Kolon (Abb. 1). Im Vergleich zu internationalen Kohorten zeigt sich bei österreichischen Patient:innen eine etwas höhere Rate an NET des Pankreas bei gleichzeitig geringerer Rate an NET des Kolons.4
Das mittlere Alter bei Erstdiagnose liegt bei 61 Jahren (±15 Jahre). Die Unterschiede je nach Tumorlokalisation sind dabei auffällig: Während das mittlere Diagnosealter bei Rektum-NET bei 53 Jahren liegt, werden Pankreas-NET im Mittel erst mit 56 Jahren, Jejunum/Ileum-NET mit 61 und Magen-NET mit 67 Jahren diagnostiziert. Die vergleichsweise frühe Diagnose von Rektum-NET lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass in Österreich bis vor Kurzem eine Screeningkoloskopie mit dem 50.Lebensjahr empfohlen wurde. Viele dieser Tumoren werden dabei als Zufallsbefund entdeckt. Mit der jüngst erfolgten Senkung des empfohlenen Einstiegsalters auf 45 Jahre könnte sich dieser Trend künftig fortsetzen – möglicherweise werden Rektum-NET dadurch ein paar Jahre früher diagnostiziert.
Klinisches Bild, Staging & Therapie
In rund einem Viertel der Fälle wurden bei Diagnosestellung keine Symptome berichtet – vermutlich bedingt durch das langsame Wachstum und die häufig niedrige Malignität vieler NET. Wenn Beschwerden vorlagen, waren diese sehr unterschiedlich: Am häufigsten wurdeDiarrhö dokumentiert (10%, meist im Rahmen eines Karzinoid-Syndroms), gefolgt von epigastrischen Schmerzen (8%) und rezidivierenden Hypoglykämien (5%) – Letztere typischerweise bei Insulinomen. Ikterus sowie das für Dünndarm-NET charakteristische Flushsyndrom traten jeweils (nur) bei 3% der Patient:innen auf. Bei 11% erfolgte die Diagnosestellung im Rahmen einer Operation: in 6% der Fälle nach einem Ileus, in 4% nach einer Appendizitis. In 36% der Fälle waren keine Symptome dokumentiert.
Knapp die Hälfte der Tumoren (49%) waren zum Zeitpunkt der Diagnose niedrigmaligne G1-NET, gefolgt von G2-Tumoren (33%) und den selteneren, höhermalignen G3-NET (8%). Auffällig ist der höhere Anteil an G3-NET insbesondere bei Tumoren des Kolons, Pankreas und der Appendix. In einer kürzlich publizierten europäischen Kohorte zeigte sich der Anteil an hochgradigen NET bei Pankreas- und Kolonlokalisation sogar noch höher als in der österreichischen Kohorte.4
Ein Großteil der Patient:innen war bei Erstdiagnose bereits im metastasierten Stadium IV (61%). Fernmetastasen betrafen vor allem die Leber (70%), Lymphknoten (57%) und Knochen (15%). Diese Zahlen unterstreichen die Bedeutung früher Diagnosen und strukturierter Nachsorge.
Von den Patient:innen, bei denen Therapiedaten dokumentiert wurden, erhielten 63% eine chirurgische oder endoskopische Therapie. Somatostatin-Analoga wurden bei 33% eingesetzt, Peptidrezeptorradionuklidtherapien (PRRT) bei 16%, zielgerichtete oder immunonkologische Therapien bei 12% und klassische Chemotherapien bei 15%. Mit zunehmendem Tumorgrading nahm die Zahl operativer Interventionen ab, während der Anteil systemischer Therapien – insbesondere Chemotherapien – zunahm (Tab. 1).
Projekte aus dem Register
Über die Datenerfassung hinaus dient das ANETS-Register als Ausgangspunkt für wissenschaftliche Fragestellungen. In einer ersten Auswertung wurde etwa das Auftreten von Zweitmalignomen in dieser Patient:innenkohorte analysiert. In einem Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 3,5 Jahren (±4,5 Jahre) wurde bei 18% der Patient:innen ein zweiter maligner Tumor diagnostiziert. In 58% der Fälle wurde dieser bereits vor der NET-Diagnose festgestellt, in 21% nahezu zeitgleich (innerhalb von drei Monaten vor oder nach der NET-Diagnose) und in 21% erst danach.5
Warum die Rate an Zweitmalignomen bei Patient:innen mit NET vergleichsweise hoch ist, lässt sich bislang nicht abschließend klären. Eine mögliche Erklärung ist, dass NET – insbesondere die niedrigmalignen, indolenten Formen – häufiger im Rahmen der Nachsorge nach anderen Tumorerkrankungen diagnostiziert werden.
Praxistipp
Das ANETS-Register ermöglicht durch strukturierte Datenanalysen eine evidenzbasierte Betreuung und Forschung bei seltenen NET-Erkrankungen.Ein aktuelles Forschungsvorhaben im Rahmen des ANETS-Registers beschäftigt sich mit frühen neuroendokrinen Neoplasien des Rektums. Ziel ist es, klinische und pathologische Risikofaktoren zu identifizieren, die mit einer Metastasierung oder einem späteren Rezidiv assoziiert sind. Anlass für dieses Projekt ist die aktuelle ENETS-Leitlinie,die bei kleinen, gut differenzierten Rektum-NET unter bestimmten Voraussetzungen eine sehr zurückhaltende Nachsorge empfiehlt – teils sogar ganz darauf verzichtet.6 Angesichts der Unsicherheit, ob diese Empfehlung für alle Patient:innen gleichermaßen angemessen ist, könnten die Registerdaten helfen, die Risikostratifizierung weiter zu verfeinern. Langfristiges Ziel ist es, Patient:innen mit höherem Risiko gezielter zu erkennen, gleichzeitig aber auch unnötige Kontrollen bei Niedrigrisikopatient:innen zu vermeiden und so eine individuelle, evidenzbasierte Nachsorge zu ermöglichen.
Fazit
Das österreichische NET-Register liefert nicht nur eine wertvolle epidemiologische und klinische Übersicht über diese seltene Tumorgruppe, sondern bietet auch die Basis für konkrete wissenschaftliche Fragestellungen. Gerade bei seltenen Erkrankungen ist es essenziell, vorhandenes Wissen zu bündeln. Hier zeigt das ANETS-Register, welchen Beitrag nationale Registerdaten leisten können.
Literatur:
1 Abboud Y et al.: Gastroenteropancreatic neuroendocrine tumor incidence by sex and age in the US, 1975 to 2021. JAMA Oncol 2025; 11(3): 345-9 2 Xu Z et al.: Epidemiologic trends of and factors associated with overall survival for gastroenteropancreatic neuroendocrine tumors in the UnitedStates. JAMA Netw Open 2021; 4(9): e2124750 3 Oronsky B et al.: Nothing but NET: a review of neuroendocrine tumors and carcinomas. Neoplasia 2017; 19(12): 991-1002 4 Borbath I et al.: The European Neuroendocrine Tumour Society registry: prognostic factors for survival in neuroendocrine neoplasms across Europe. Eur J Cancer 2022; 169: 80-90 5 Rainer F et al.: Incidence of secondary malignoma in patients with gastro-enteropancreatic neuroendocrine neoplasia. Präsentiert im Rahmen der 16. jährlichen ENETS-Konferenz in Barcelona 2019 6 Rinke A et al.: European Neuroendocrine Tumor Society (ENETS) 2023 guidance paper for colorectal neuroendocrine tumours. J Neuroendocrinol 2023; 35(6): e13309
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