© Ava Hidalgo

Interview zum neuen Ratgeber

„Nicht jedes Symptom sind automatisch die Wechseljahre“

Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine Lebensphase – mit Mythen und Unsicherheiten. Im Interview erklärt die Menopause-Expertin und Buchautorin Prof. Dr. Petra Stute, Bern, warum eine individuelle, evidenzbasierte Beratung so wichtig ist, wie sich Nutzen und Risiken einer Hormontherapie einordnen lassen und welche neuen Therapieoptionen Frauen zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Petra Stute liefert in ihrem druckfrischen Ratgeber „Willkommen in den Wechseljahren“ klare evidenzbasierte Orientierung zu allen wichtigen Themen dieser Lebensphase. Sie erklärt, was hinter den hormonellen Veränderungen steckt, entkräftet Mythen rund um Hormontherapien und zeigt sachlich, was pflanzliche, bioidentische und pharmakologische Mittel wirklich leisten – und was nicht.1 Im Interview spricht sie über wichtige Inhalte ihrer Sprechstunde, hartnäckige Irrtümer rund um die Wechseljahre und aktuelle Fortschritte in der Therapie.

Der Titel „Willkommen in den Wechseljahren“ klingt bewusst einladend. Wozu möchten Sie Frauen willkommen heißen bzw. wovor möchten Sie ihnen die Angst nehmen?

P. Stute: Natürlich die Angst vor den Wechseljahren – und davor, dass alles ganz schrecklich wird. Es ist keine Krankheit, sondern eine Lebensphase. Der Titel des Buches soll auch humorvoll rüberkommen: Man denkt zuerst, um Gottes willen, da will ich nicht hin – und am Ende ist es gar nicht so schlimm wie eingangs befürchtet.

Gab es einen konkreten Moment in Ihrer Sprechstunde, in dem Sie dachten: Dieser Ratgeber muss geschrieben werden?

P. Stute: Nicht eine bestimmte Patientin. Es ist eher die Summe der gleichen Geschichten: Viele Frauen sind überrascht von dem Thema und laufen von Pontius zu Pilatus, bis sie eine Lösung finden. Dazu kommt, dass in Social Media viel Blödsinn kursiert. Da sind evidenzbasierte Informationen besonders wichtig. Daher ist dieses Buch für alle Frauen gedacht: jene, die davor sind, mittendrin oder danach.

Wie gelingt es, komplexe, wissenschaftliche Inhalte verständlich zu vermitteln?

P. Stute: Man muss die Menschen an einem bestimmten Punkt abholen. Ich erzähle Inhalte gern wie eine Geschichte, damit man dranbleibt.

Welcher Irrtum über die Wechseljahre begegnet Ihnen bei Frauen (und auch Ärzt:innen) am häufigsten?

P. Stute: Zum Beispiel, dass man nicht in den Wechseljahren sein könne, solange die Periode noch da ist. Das stimmt nicht – zur Perimenopause gehören Zyklen dazu. Häufig hört man auch: Hormone machen Brustkrebs oder dick, oder man verschiebt die Beschwerden nur nach hinten. So einfach ist es nicht.

Welche Beschwerden werden noch immer zu selten mit der hormonellen Umstellung in Verbindung gebracht?

P. Stute: Neben Hitzewallungen können Schlafstörungen, Brain Fog, Stimmungsschwankungen, Gelenkschmerzen oder Herzklopfen auftreten. Wichtig ist: Nicht jedes Symptom sind automatisch die Wechseljahre. Es braucht immer auch eine Differenzialdiagnostik.

Wie sollte aus Ihrer Sicht eine gute Menopause-Sprechstunde ablaufen?

P. Stute: Ich mache mit der Patientin eine Wunschliste: Was steht an erster/zweiter/dritter Stelle, was sollte unbedingt besser werden? Das ist gleichzeitig auch meine persönliche To-do-Liste. Sehr wichtig sind mir zudem präventive Aspekte wie Mammografie, Abstrich, Koloskopie, Augeninnendruck-Messung oder Hautkrebsvorsorge. Diesen holistischen Ansatz finde ich sehr wertvoll. Wenn die Frauen dann wiederkommen, wissen sie ganz genau, ich habe mir alles aufgeschrieben, damit da einfach nichts durch die Lappen geht.

Viele Frauen sorgen sich bei einer Hormontherapie vor Brustkrebs, Thrombosen oder anderen Nebenwirkungen. Wie führen Sie ein Gespräch, das weder beschwichtigt noch unnötig alarmiert?

P. Stute: Beim Thromboserisiko kann man oft schon viel klären, wenn Östrogen über die Haut gegeben wird. Beim Brustkrebsrisiko ist es wichtig, in absoluten Zahlen zu sprechen und Risiken in Relation zu setzen. Viele denken sonst: Wenn ich heute mit Hormonen anfange, habe ich morgen Brustkrebs. So ist es natürlich nicht.

Welche Rolle spielen Lebensstilinterventionen wie z.B. die Umstellung der Ernährung oder mehr Bewegung?

P. Stute: Eine sehr wichtige. Gerade hier lohnt es sich, interdisziplinär zu arbeiten. Für Ernährung, Bewegung und Stressmanagement braucht es manchmal Unterstützung aus anderen Disziplinen.

Welche Bedeutung haben die Neurokinin-Rezeptor-Antagonisten Fezolinetant und Elinzanetant?

P. Stute: Diese Präprate sind eine große Bereicherung bei vasomotorischen Symptomen. Sie wirken gut gegen Hitzewallungen bzw. Schlafstörungen und haben ein überschaubares Nebenwirkungsprofil. Man kann gespannt sein, welche Real-World-Daten dazu noch kommen werden.

Welche Informationen braucht eine Frau, um zwischen Lebensstilmaßnahmen, pflanzlichen Präparaten, nicht hormonellen Medikamenten und einer Hormontherapie selbstbestimmt entscheiden zu können?

P. Stute: Natürlich eine gute Beratung in der Sprechstunde. Und ich hoffe, dass mein Buch dafür eine gute Grundlage bietet.

Welche Erkenntnisse bzw. Entwicklungen in der Forschung rund um die Menopause der letzten Jahre sind für Sie besonders bemerkenswert?

P. Stute: Zum einen die neuen Medikamente und das bessere Verständnis, wie Hitzewallungen entstehen. Zum anderen wird die Menopause stärker als Gesamtpaket betrachtet – mit Prävention und langfristiger Gesundheit. Auch digitale Angebote über spezielle Apps werden künftig wichtiger.

Gibt es zentrale Botschaften, die Sie gerne Ihren Kolleg:innen mitgeben möchten?

P. Stute: Keine Angst vor Frauen in den Wechseljahren. Die Konsultationen dauern zwar oft länger, aber man hat auch eine sehr hohe Erfolgsquote – und das ist etwas sehr Schönes.

Vielen Dank für das Gespräch!

1 Stute P: Willkommen in den Wechseljahren. Selbstbestimmt durch die Wechseljahre. Evidenzbasierter Ratgeber für die richtige Therapie zwischen Naturheilkunde, Hormonen und Selbsthilfe. Stiftung Warentest: Berlin 2026

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