Kratom-Intoxikation: Herzstillstand bei jungem Patienten
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Der Konsum von Kratom-Tee hat bei einem 22-jährigen gesunden Mann zu einem akuten Herzstillstand geführt. Es ist der erste derartige Fall in Österreich und wurde kürzlich von Innsbrucker Intensivmediziner:innen dokumentiert.
Kratom wird aus den Blättern des südostasiatischen Baumes Mitragyna speciosa gewonnen und meist als Pulver, Kapsel oder Tee konsumiert. Die Wirkung ist dosisabhängig: Bei niedrigen Dosen (<5g/Tag) wirkt Kratom hauptsächlich stimulierend, während höhere Dosen (>15g/Tag) ein Opioid-Toxidrom (Sedierung, Bradypnoe, Miosis) sowie adrenerge und serotonerge Überstimulation auslösen können.1 Verantwortlich dafür sind insbesondere die Alkaloide Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin.
Fallbericht aus Innsbruck
Ein kürzlich publizierter Fallbericht beschreibt einen schweren Verlauf nach Kratom-Konsum bei einem zuvor gesunden 22-jährigen Mann.1 Der Patient wurde nach einem plötzlichen Kollaps zu Hause bewusstlos aufgefunden. Es kam zu einem generalisierten Krampfanfall und anschließend zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Bei Eintreffen der Rettung bestand eine Asystolie. Nach kardiopulmonaler Reanimation konnte zunächst ein Spontankreislauf wiederhergestellt werden, im weiteren Verlauf trat jedoch erneut ein Kreislaufstillstand auf. Nach neuerlicher Reanimation gelang ein anhaltender „return of spontaneous circulation“.
Im Aufnahme-EKG zeigten sich Vorhofflimmern sowie verbreiterte QRS-Komplexe. Eine umfangreiche kardiologische Abklärung einschließlich Echokardiografie, Computertomografie und kardialer Magnetresonanztomografie ergab keinen Hinweis auf eine strukturelle Herzerkrankung, die den Kreislaufstillstand hätte erklären können.
Routinemäßiges Drogenscreening unauffällig
Auch die toxikologische Diagnostik lieferte zunächst keine Erklärung. Das routinemäßige Screening auf unter anderem Ethanol, Benzodiazepine, trizyklische Antidepressiva, Amphetamine, Kokain und klassische Opioide blieb negativ.
Erst nachdem anamnestisch bekannt geworden war, dass der Patient vor dem Ereignis Kratom-Tee konsumiert hatte, erfolgte eine gezielte toxikologische Untersuchung mittels Massenspektrometrie. Dabei wurde eine Mitragynin-Konzentration von 500μg/l nachgewiesen. Diese lag deutlich über dem im untersuchenden Labor angegebenen Referenzbereich von 20 bis 100μg/l.
Der weitere klinische Verlauf war durch ausgeprägte Bradykardien gekennzeichnet. Am vierten Behandlungstag sank die Herzfrequenz während der Nacht wiederholt auf etwa 25 bis 30 Schläge pro Minute. Aufgrund rezidivierender Episoden wurde am sechsten Tag ein permanenter Herzschrittmacher implantiert. Zwei Wochen nach dem Ereignis konnte der Patient ohne neurologische Defizite aus dem Krankenhaus entlassen werden.
Mitragynin: komplexes pharmakologisches Wirkprofil
Mitragynin weist ein komplexes pharmakologisches Wirkprofil auf. Es interagiert unter anderem mit μ-Opioid-Rezeptoren und hat darüber hinaus adrenerge und serotonerge Effekte. Auch eine Beeinflussung kardialer Ionenkanäle wurde beschrieben. Als mögliche kardiotoxische Folgen werden unter anderem QT-Zeit-Verlängerungen, Tachy- und Bradyarrhythmien diskutiert.
Schwere Kratom-Intoxikationen können außerdem mit Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen und Atemdepression einhergehen. Gerade bei gleichzeitigem Konsum von anderen psychoaktiven Substanzen oder Arzneimitteln können pharmakodynamische und pharmakokinetische Interaktionen eine zusätzliche Rolle spielen.
Die Interpretation gemessener Mitragynin-Konzentrationen bleibt allerdings schwierig. Eine allgemein akzeptierte Schwelle, ab der von einer toxischen oder letalen Konzentration ausgegangen werden kann, existiert bislang nicht. Neben der konsumierten Dosis können auch individuelle Stoffwechselunterschiede, die Zusammensetzung des jeweiligen Kratom-Produkts sowie mögliche Begleitsubstanzen die klinische Wirkung erheblich beeinflussen.
„Trend“ aus den USA
Anfang Juli 2025 warnte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgrund der zunehmenden Beliebtheit vor der Anwendung.2 Auch die Innsbrucker Mediziner:innen betonen in ihrem Artikel das Risiko durch diese Trendsubstanz: „Kratom erfreut sich zunehmender Beliebtheit, insbesondere in den USA, wo schätzungsweise zwei Millionen Erwachsene jährlich Kratom konsumieren. Aktuelle Daten des US-amerikanischen National Poison Data System untermauern diesen Trend: Die Zahl der Kratom-bedingten Vergiftungsfälle hat sich zwischen 2015 und 2025 verzwölffacht und erreichte 2025 mit 3434 Fällen einen Höchststand. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 233 Todesfälle gemeldet.“1,3 In Europa ist Kratom aufgrund seiner einfachen Online-Verfügbarkeit und durch die Vermarktung als natürliches Nahrungsergänzungsmittel ebenfalls immer häufiger zu finden.4 Seit 1. September 2026 ist es in Österreich verboten, Lebensmittel in Verkehr zu bringen, die psychoaktive Stoffe enthalten, deren Verwendung nicht als herkömmlich zu bezeichnen ist.5 Kratom wird im Gesetz nicht ausdrücklich genannt. In der parlamentarischen Diskussion zur Novelle wurden jedoch Kratom, Kanna und Blue Lotus als Beispiele für psychoaktive Substanzen angeführt. Kratom ist allerdings weiterhin über den Online-Handel und in einschlägigen Automatenshops erhältlich.
Kratom-Konsum gezielt anamnestisch erfragen
Für Ärzt:innen ist insbesondere relevant, dass Kratom beziehungsweise Mitragynin in konventionellen toxikologischen Drogenscreenings meist nicht erfasst wird. Ein negatives Routinelabor schließt einen entsprechenden Konsum daher nicht aus.
Bei jungen Patient:innen mit ungeklärten Krampfanfällen, Bewusstseinsstörungen, ausgeprägten Brady- oder Tachyarrhythmien beziehungsweise einem Herz-Kreislauf-Stillstand ohne erkennbare strukturelle Ursache sollte deshalb auch nach dem Konsum von Kratom gefragt werden. Sinnvoll ist dabei eine breitere Substanzanamnese, die ausdrücklich pflanzliche Produkte, Tees, Nahrungsergänzungsmittel sowie über das Internet bezogene psychoaktive Substanzen einschließt.
Bei begründetem Verdacht kann eine spezifische toxikologische Analytik auf Mitragynin und weitere Kratom-Alkaloide erforderlich sein. Der österreichische Fall unterstreicht, dass Kratom trotz seines pflanzlichen Ursprungs keineswegs als grundsätzlich harmlos einzustufen ist und auch bei jungen Menschen ohne bekannte kardiale Vorerkrankung mit schweren, potenziell lebensbedrohlichen Ereignissen assoziiert sein kann. (red)
Literatur:
1 Dunz J et al.: Sudden cardiac arrest in a young healthy man following kratom tea consumption: a case report and brief literature review. Wien Klin Wochenschr 2026; doi: 10.1007/s00508-026-02826-5 2 https://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/pm09-2025.html 3 Towers EB et al.: Increases in kratom-related reports to poison centers - National Poison Data System, United States, 2015–2025. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2026;7 5(11): 139-45 4 Papadi G et al.: Assessment of the possible health risks associated with the consumption of botanical preparations of Mitragyna speciosa (kratom). EFSA J 2022; 20: e200415 5 Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG), § 5 Abs. 1 Z 4, BGBl. I Nr. 75/2026; Inkrafttreten 1.9.2026. RIS – § 5 LMSVG
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